Die Kräuterkundige Elisabeth Brooke schreibt in ihrem Buch ‚Von Salbei, Klee und Löwenzahn‘:

„[…] jede Frau, die sich ernsthaft mit Naturheilkunde befasst, sollte es in ihrem Kräuterschrank haben.“

Dennoch hört und liest man im Zusammenhang mit Heilkräutern doch recht wenig über eben dieses Kraut. Die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende Phytotherapie ignoriert das Pflänzchen mangels Studiendaten gänzlich und verweist auf eher volksmedizinische Anwendungen. Einzig die Landwirtschaft, die fürchtet und ehrt es gleichermaßen: das Kletten-Labkraut.

Futtermittel, erntemaschinenverstopfendes und Nutzpflanzen überwucherndes Klebekraut, aber auch gegen Unkrautmittel resistentes, in der Signatur sehr auffälliges und altbekanntes Heilmittel – werfen wir doch mal einen Blick auf das Kletten-Labkraut.  

Im ersten Teil beginnen wir mit einer botanischen Einordnung und einem Abstecher in die Welt der Mythen und Legenden.

 

Botanik

Das Kletten-Labkraut, Galium aparine, gehört zu der Familie der Rötegewächse (Rubiaceae). Galium bedeutet Milch, was auf die Verwendung aller Labkräuter zur Milchgerinnung hinweist. Auch die Benennung aparine – „ergreifen“ – lässt sich leicht nachvollziehen. Verniedlicht wird sie auch „die Anhängliche“ genannt.

Botanisch betrachtet handelt es sich beim Kletten-Labkraut um eine einjährige Pflanze, die in Europa und Asien beheimatet ist, weltweit aber als Neophyt vorkommt. Galium aparine ist ein Stickstoffzeiger, es bevorzugt also stickstoff- und nährstoffreiche Böden und ist in Buschwerk, Hecken, Feld- und Ackerrändern, aber auch an Ufern, Wegrändern und Schutthalden weit verbreitet in Deutschland zu finden. Oftmals findet man es auch an eher schattigen, feuchten Plätzen und in Vergesellschaftung mit Brennnesseln (aber wer die  Tipps zum Sammeln von Brennnesseln kennt, ist davon nicht erschrocken).

Das Kletten-Labkraut wächst niederliegend, kriechend oder kletternd, wobei es sich die stark haftenden, steifen Härchen an der gesamten Pflanze zunutze macht.

Der Stängel weist einen eckigen, vierkantigen Querschnitt auf und ist auf der gesamten Länge mit nach unten weisenden Borstenhaaren besetzt.

Am Stängel sitzen jeweils 6-9 ungestielte, schmale und lanzettförmige Blätter in Wirteln. Am Rand der Blattspreite und an der mittleren Blattrippe sitzen ebenfalls steife Härchen, die die Blätter klettenartig haften lassen, vorn besitzt jedes Blatt eine Stachelspitze.

Die Blütezeit des Kletten-Labkrauts erstreckt sich von Mai bis Oktober. Während dieser Zeit weist die Pflanze winzige Blüten auf, die in blattwinkelständigen, die Blätter überragenden Blütenständen sitzen und jeweils 4 weiße Blütenblätter tragen.

Die 2-5 mm großen Früchte sitzen auf geraden, spreizenden Stielen. Im unreifen Zustand erkennt man die zwei kugeligen Teilfrüchte mit jeweils einem Samenkorn. Die reifen Samen sind von grün-rötlicher Farbe und wie der Rest der Pflanze stark haftend, da sie mit hakenborstigen Härchen besetzt sind.

Verwendet wird die ganze Pflanze inklusive Blüten und Samen.

Markante Unterscheidungsmerkmale zum Wiesenlabkraut, welches ebenfalls weiß blüht, sind die feinen Widerhaken an der gesamten Pflanze, die Anzahl der Blätter pro Wirtel (das Wiesen-Labkraut hat weniger als das Kletten-Labkraut) und die Blattform (länger und schmaler beim Kletten-Labkraut).

Mythen

So wie die heilende Verwendung des Kletten-Labkrauts eher in der Volksmedizin zu finden ist, so ranken sich auch viele volkstümliche Bräuche und magische Mythen um das Pflänzchen.

Prädestiniert für geheime Zauber ist das Klettenlabkraut natürlich vor allem wegen seines auffälligsten Merkmals – dem Klebenbleiben an allem und jedem. Aus diesem Grund galt es vor allem als Hexenkraut, das für bindende Zauber und Liebeszauber eingesetzt werden konnte [1,2] und der Freya als Liebesgöttin geweiht war [2].

Wolf-Dieter Storl weiß ganz konkrete Zauber zu berichten:

Liebes-Zauber zur Sommersonnenwende [2]

Um einen Jungen an sich zu binden, musste ein Mädchen in der Mitternachtsstunde zu Johanni einfach nur einen Kranz aus Klettenlabkraut binden. Beim Flechten soll sie dreimal ums Haus laufen und folgenden Spruch aufsagen:

„Klebekranz, ich winde dich, Schätzen, ich empfinde dich. Wenn du willst der meine sein, komm vor meinen Augenschein.“

Doch kein Hexenzauber ohne Opfer: ist das Mädchen nach dem dritten Umlauf um das Haus nicht fertig mit dem Kranz, so wird sie leider große Krankheit überkommen.

 

Böhmischer Heilzauber zu Johanni [2]

Aus dem Klettenlabkraut wurden Kränze geflochten. Diese hielt man sich vor die Augen, blickte ins Sonnenwendfeuer und sprach dazu dreimal folgenden Zauberspruch: „Johannisfeuer, guck, guck! Stärke mir die Augen, Stärk mir meine Augenlider, dass ich dich aufs Jahr seh‘ wieder“ .

Andere sagen, dass unscheinbare Klettenlabkraut würde durch seine Anhänglichkeit auf seine Allgegenwart und Heilkraft aufmerksam machen wollen [3].

Auch geheime Symbolik wurde dem Klettenlabkraut nachgesagt. Storl schreibt, dass einem Mädchen, dem von ihr unbemerkt Klettenlabkraut am Rücken haftete, nachgesagt wurde, sie hätte einen heimlichen Liebhaber [2]. Wer ein Sträußchen mit Klettenlabkraut geschenkt bekam, dem sollte klar gemacht werden: „Ich halte an deiner Liebe fest!“ [2].

Das Klettenlabkraut klettet und klebt nicht nur, sondern kann sich mittels der Häkchen auch von selbst aufrichten. Symbolisch steht das Klettenlabkraut deshalb für das (Zurück)Finden zum Selbst, für die Regeneration und für die Integration abgespaltener Teile der Seele. Es hilft einem, sich auf die eigene Identität zu konzentrieren [1].

Was denkst du?

Hast du schon vom Kletten-Labkraut gehört oder deine Erfahrungen mit ihm gemacht? Dann schreib mir doch in die Kommentare, ich bin gespannt, von dir zu lesen!

Wissensdurst?

Dich interessiert jetzt schon auch noch, was das Kletten-Labkraut sonst noch so zu bieten hat? Dann lies doch nach im zweiten Teil der Portraitreihe “Kletten-Labkraut, Galium aparine” was für Inhaltsstoffe und Heilwirkung das Kletten-Labkraut hat. Im dritten Teil findest du heraus, ob und wie du das Kraut selber anbauen kannst und wie du es in Küche und Hausapotheke für dich nutzt.

Nicht nur Wissensdurst, sondern auch Hunger? Vielleicht sind ja die Kletten-Labkraut-Ravioli mit Dill-Lax-Sauce genau das richtige für dich?

Dieser Artikel ist ein Auszug aus meiner größeren Arbeit im Rahmen der traditionellen 9-jährgen Kräuterfrauen-Ausbildung. Wenn du Interesse am gesamten Text hast, schreib mir gern!

Quellen

[1] C. Mann, Kraftsträuße, pala Verlag, 2017

[2] W.-D. Storl, Die Unkräuter in meinem Garten, GU, 2018

[3] R.Lüder, F. Lüder, Wildpflanzen zum Genießen, 2013

Disclaimer: Quellen gebe ich an für Fakten, die es nur in vereinzelten Quellen zu finden gibt. Heilkräuterwissen ist in vielen Fällen mündlich überliefertes Volkswissen. Dadurch, dass in Internetartikeln oftmals andere Texte zitiert werden, aber keine Quellen angegeben werden, verwässert das tatsächlich vorhandene Wissen. Ich möchte, dass nachvollziehbar bleibt, ob es sich bei den dargestellten Fakten um allgemein vertretenes Wissensgut handelt oder um einzelne Meinungen.

 

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